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  Dr. Hans-Werner Schmidt

Einführung anlässlich der Ausstellungseröffnung
in der Universitäts-Kinderklinik, Kiel Juli 1998


Sehr geehrter Herr Professor Schaub, liebe Freunde der Kunst, liebe Hanne Nagel-Axelsen,

in Hanne Nagel-Axelsens Lebenslauf lesen wir: geboren in Hedensted in Dänemark, lebt zusammen mit Peter Nagel in Flintbek bei Kiel und in der Toskana. Im Lebenslauf gibt es weitere eigentlich erwähnenswerte Daten; ich habe diese hier angeführt, um sie meiner kurzen Einführungsrede voranzustellen, weil sie den Blick auf Nagel-Axelsens Bilder auf bestimmte Eigenarten lenken.
Eigenarten? - Ein Autor fragt z.B., ob Hanne Nagel- Axelsens Bilder durch den dänischen Märchendichter Hans Christian Andersen beeinflusst seien, ob die nordischen Sagen- und Fabelwesen Eingang in ihre Motivwelt gefunden haben. Man könnte in diesem Zusammenhang - und dieses Mal mit kunsthistorischer Brille - weiterfragen, ob gerade bei den frühen Bildern, die in den 60er Jahren entstanden sind, der Einfluss der Cobra-Gruppe noch spürbar ist, also jener nordländischen Künstler wie Asgar Jorn oder Karel Appel, die sich haben leiten lassen von sogenannter „Primitiv“- oder „Infantil“-Kunst, und die diese Quellen elaboriert haben zu einem Expressionismus, der auf dem Grat angesiedelt ist zwischen Abstraktion und Figuration.
Ich denke schon, dass die junge Künstlerin hier Impulse empfangen hat - und ich denke dabei an ein wunderschönes Gemälde aus dem Jahr 1965, das den Titel „Puppen und Masken“ trägt. Dazu aber gleich später. Doch wir wollen weiterfragen. 1981 hat sie den Maler Peter Nagel porträtiert. Und damit reiße ich dasschwierige Kapitel „Künstlerpaare“ an; ein Kapitel, das für die Kunst des 20. Jahrhunderts so wichtig ist und bisher nur in wenigen Beispielen analysiert wurde. Dass man sich dabei auf einem Terrain bewegt, das leicht zu Missdeutungen Anlass gibt, musste auch Hanne Nagel-Axelsen erleben - dass eben in dem besagten Porträt die Nähe zu Peter Nagels Kunst gesehen wurde, aber nicht eine malerische Ausdrucksvariante um 1980, die vielmehr in der Kontinuität ihrer künstlerischen Entwicklungsschritte steht.
Doch ich will hier nicht den Fragen nachgehen, ob eine typisch nordische Auffassung Nagel-Axelsens Bilder bestimmt oder die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit Peter Nagel - ich behaupte einfach: Die Bilder sind vielmehr italienisch.
Die Bilder handeln von Tieren und Menschen - sie heißen: „Tierleben“, „Tierliebe“, „Tierspiel“, „Hagenbeck“, „Gehege“, „Fütterung“, „Honigsauger“, „Zerstreute Herde“. Menschen kommen eher selten in den Titeln vor, so z.B. bei „Figur mit Tieren“. Allerlei gefiedertes Vieh segelt und schwebt um die Figur - die Weiblichkeit, die nur durch einen Brustansatz angedeutet ist - die springt nicht direkt ins Auge, sodass man erst einmal an den Heiligen Franz von Assisi denkt und seinen liebevollen Dialog mit den Tieren.
Doch so liebevoll geht es bei Hanne Nagel-Axelsen nicht immer zu, gerade dann, wenn unschuldige Lämmer und sich windende Schlangen gemeinsam auf der Bildfläche erscheinen. Dabei ist die Zuordnung der „Gut“- und „Böse“-Etiketten nicht so eindeutig, wie wir das sonst zu pflegen tun.
Das Bild „Das Lamm und die Schlange“ kaufte die Bischöfin Maria Jepsen. Jetzt könnte man natürlich einen interpretativen Schlenker machen, bei dem man die psychologischen Mechanismen zwischen Bildmotiv und -auffassung auf der einen und die mentale Disposition des Käufers auf der anderen Seite beleuchtet. Das tue ich aber absichtsvoll nicht, um nicht etwaiges Kaufinteresse hier und jetzt zu bremsen.
Jedenfalls scheint der Bischöfin das Bild erläuterungsbedürftig gewesen zu sein und die Künstlerin äußert sich in einem Brief an die Bischöfin dazu:
“... Das Bild ist in seinen Anfängen in der Toskana entstanden. Und so lag es nahe, solche Tiere darin unterzubringen, mit denen wir dort zu tun haben. Wir haben da eine Atelierwohnung und sprechen täglich mit den italienischen Bauern. Ein Thema ist oft die Gefährdung durch Vipern, die sehr giftig sein sollen. Die Schlange steht für mich hier für Gefahr. Vor unserem Haus grast die Schafherde. Im Frühjahr freuen wir uns über die neugeborenen Lämmer. - Dann allerdings - es lässt sich kaum vermeiden, - werden wir Zeugen, wenn vor Ostern das Schlachten beginnt ...“
Eben diese Erläuterung macht deutlich, dass von denen, die um das Leben der Lämmer bangen, die weit größere Gefahr ausgeht, als von den Vipern. Dieses Nebeneinander von „Gut“ und „Böse“ und das mögliche Umschlagen in das jeweilige Gegenteil zeigt auch das bereits erwähnte frühe Bild „Masken und Puppen“. Das Bild wird in seiner Komposition nicht von einem Gegenüber bestimmt, sondern von einem Verschmelzen dieser moralischen Pole. Ich versuche, es möglichst plastisch zu schildern, weil das Bild nicht hier ist. Neben den dämonischen Masken stehen in diesem Bild die Puppengesichter, die, im Blick seltsam entrückt, anscheinend kein Wässerchen trüben können. Das eine Puppengesicht wird von einem gehörnten, glotzäugigen, zähnefletschenden Wesen hinterfangen; über die Schulter einer anderen Puppe lugt eine Maske wie man sie aus der alemannischen Fasnacht kennt - im wahrsten Sinne des Wortes sitzt dieser Puppe der Schalk im Nacken. Und aus den Farbschichtungen des Umfeldes schälen sich weitere Gesichter hervor - Fratzen wie scheinbar unschuldige Physiognomien, die, wie gesagt, in ihrer Entrücktheit nicht unbedingt zu einem vertrauensvollen Zugang motivieren. „Gut“ und „Böse“ wollen sich hier nicht eindeutig zuordnen lassen.
In dem Bild „Tierliebe“ scheint die Umkehrung der gängigen Schablonen von „Gut“ und „Böse“ vollzogen – Schablonen, von denen ja seit Aesop gerade die Tierfabeln künden.
An einem riesigen Reptilienkopf mit züngelndem Maul, klammern sich zwei kleine Wesen – das eine weiß, das andere schwarz. Mir kommt dieses Bild wie eine eigenwillige Interpretation der Märchenfigur
Nils Holgerson vor, der auf dem Rücken einer Gans durch die Lande reist. An die Stelle der Gans – die ja sonst immer vom Fuchs gestohlen wird – tritt die Schlange – und die bedroht nicht einmal die Lämmer, ja sie bietet zwei kleinen Menschengestalten ihren Rücken an, um zusammen durch die Botanik zu kriechen.
In Flintbek gibt es in Sichtweite des Wohn- und Atelierhauses weder Schafe noch Schlangen - und erst recht keine Stachelschweine. Und wenn Hanne Nagel-Axelsen die Vögel so unbeschwert flattern lässt wie auf der Einladungskarte, dann sind es auch nicht die aus Flintbek. Da gibt es ein Gemälde mit dem Titel „Die Vögel und das Biest“ - das Biest ist eine animalisch aggressive Gestalt - und Hanne Nagel-Axelsen erzählt mir von den vielen Vögeln in den Küchen ihrer toskanischen Nachbarn, die dort nicht zur Zierde und Vergnüglichkeit in Vogelbauern gehalten werden, sondern nach dem Tod im Fangnetz den Gaumenfreuden zugeführt werden.
Hanne Nagel-Axelsens Bilder künden vom Landleben in der Toskana. Sie sind dabei nicht vordergründig erzählerisch, sondern interpretieren vor dem Hintergrund der dortigen Erfahrungen manche gängige Tierfabel um. Doch nicht nur diese inhaltliche Dimension kündet vom Entstehungsort. Die braunen, irdenen Töne weisen auf eine andere Bodenhaftung hin und zeigen dabei auch gar nichts von den grünen Wiesen um Flintbek.
Hanne Nagel-Axelsens „Tierleben“ hier in der Kinderklinik: Das sind keine optischen Gummibärchen, die den Schalk ihres medienattraktiven Werbers verbreiten. Sie bewegen sich auch nicht in den ausgetretenen Bahnen der traditionellen Tierfabeln und all deren populären Nachfolgen in diesem Jahrhundert - wie z.B. die Tiergeschichten im Milieu von Entenhausen.
Hanne Nagel-Axelsens „Tierleben“ haben auch nichts vom Streichel-Zoo. Sie stellt ein wirkliches Stück „Leben auf dem Lande“ dar. Sie zeigt dabei Wesen - Tiere wie Menschen - in einem Zueinander, das im Sinne von „Moment mal“ nachfragen lässt - und so kommt jeder zu seiner Geschichte von den Tieren und den Menschen.