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  Bischöfin i.R. Maria Jepsen
„einmischen“

in: Neue Predigten und Reden, Radius Verlag
„Nicht nur eine heile Nische“
Predigt über Jesaja II, I-9
Trittau, Dezember 1994 (Auszug)


Liebe Gemeinde, in unserem Wohnzimmer hängt ein Bild, das eigentlich gar nicht schön ist, und manche Gäste setzen sich so, daß sie es im Rücken haben. Das Bild wirke so grausam und aggressiv, heißt es dann, und so ganz unrecht haben sie vielleicht nicht.

Als ich das sehr große Bild vor genau vier Jahren in der Kunsthalle in Kiel entdeckte, war ich von ihm fasziniert. Es ließ mich nicht mehr los. Zwei-, dreimal besuchte ich es von Harburg aus, und ich kaufte es, obwohl mir Farben und Motiv eigentlich nicht gefielen, kein wirkliches Wohlgefühl in mir auslösten, eher eine Art Unbehagen, eine Unruhe, aber ein Gepacktsein eben, das ich nicht mehr abschütteln konnte und wollte. Ein Stachel-Wildschwein beherrscht das Bild, daneben zwei Lämmer und eine Schlange. Sie springen aufeinander zu, aber bleiben doch in einer Distanz. Sie tun sich nichts an. Eine Bewegung, und zugleich bleiben sie an ihrem Platz, das bunte aggressive Stachel-Wildschwein, die grau gesprenkelten Lämmer, über allem die sich windende Schlange.

In gewisser Weise erinnert mich das Bild an Michelangelos Darstellung von der Erschaffung Adams durch Gott. Auch da ist Bewegung, Berührung zu sehen, die eigentlich gar nicht gemalt ist. Der Finger Gottes berührt den Adam ja gar nicht, es bleibt die Lücke, die Distanz, und doch spüren wir beim Bild, daß Gott ihn berührt, ihm von seiner Göttlichkeit etwas vermittelt, ihn ins Lebendigsein bringt. Nun: Das Bild in unserem Wohnzimmer, es hat nichts mit Gott und seiner Schöpfung direkt zu tun, aber es erinnert mich immer wieder an die paradiesischen Verheißungssätze aus dem Jesaja-Buch.

Bei aller Aggressivität, die es gibt, die wir in uns und um uns spüren, wird Frieden angesagt, gute Gemeinsamkeit deutlich.

Die wilden, gefährlichen Tiere und die Lämmer halten die Spannung aus und vermitteln dann eine Harmonie, die unerklärlich und doch real vorhanden. Ein Hoffnungsbild für scheinbar unversöhnliche Gegensätze und Widersacher.

Als die Künstlerin Hanne Nagel-Axelsen mir die Entstehung ihres Bildes erklärte, es seien bloß Erinnerungen aus ihrem toskanischen Arbeitsurlaub, an die Tiere, die dort ganz alltäglich vorkämen, keine biblischen oder sonstigen mythologischen Anklänge, wie ich geargwöhnt hatte, nur Alltagssituationen, da wurde mir erneut klar: Solche Bilder brauchen wir, auf denen nicht nur Schönes, still-Heiles vorgehalten wird, sondern Bilder, wo alltäglich Aggressives, wo traditionell Feindliches aufeinander trifft und es doch nicht zu zerstörerischer Auseinandersetzung und Konfrontation führt.

Als Kirche, als Christen und Christinnen stehen wir ja für viele unter dem Verdacht, nicht konfliktfähig zu sein, offene, klare Auseinandersetzungen zu meiden, alles doch Drohende zu schnell zu beschönigen, mit dem Mantel der Liebe zu ersticken, was angesprochen und ausgesprochen werden muß. Im Bild gesprochen: Eben eher der gute Hirte mit freundlichem Gesicht und dem Schaf auf der Schulter und der Herde, die friedlich um ihn herum grast, als der Hirte, der den Kampf mit Wildschwein und Schlange aufnimmt. Eher die Idylle als die Gefahr und die Auseinandersetzung mit harten Mitteln.

Die weihnachtliche Verheißung aus dem Prophetenbuch Jesaja malt uns ein sehr schönes Bild. Die Tiere wohnen friedlich beieinander, und die Menschen, die kleinen Kinder spielen freundlich zusammen mit den sonst gefürchteten Tieren. Eine Vision, die wirklich paradiesischen Charakter hat: Frieden und Versöhnung, geschaffen allerdings erst durch den Geist Gottes, genauer: durch den, der aus diesem Geist heraus urteilt und handelt, auch in Härte und Schärfe.

Frieden ist nicht einfach da, wo nichts Böses geschieht, wo Ruhe ist.

Frieden ist vielmehr da, wo Gewalttätige auf Gewalt verzichten, wo Rechtlose geachtet werden, wo Unterschiedliche aufeinander zugehen und miteinander weitergehen. Frieden entsteht und wächst, wo nicht nur die Sieger, die Stärkeren die Bedingungen stellen, sondern wo aus dem Blick der Schwächeren Gemeinschaft geschaffen wird: Das Lamm nimmt den Wolf als Gast auf, kleine Kinder hüten Haus- und Wildtiere, Säuglinge spielen an sonst gefährlichen Orten. Angst hat ihre Kraft und Begründung verloren.